Zilleschule Radeburg: Im Schatten der Tannenzweige – die geheimen Beobachtungen einer Weihnachtsgurke

Das weihnachtliche Geschehen in der Zilleschule aus der ungewöhnlichen Sicht einer "Weihnachtsgurke" - aufgeschrieben von Nicole Truxa.

Ich bin eine Gurke. Ja, wirklich: eine glitzernde, glasige Weihnachtsgurke, die jedes Jahr aufs Neue im Schulhaus versteckt wird. Während andere Kugeln stolz und gut sichtbar an den Ästen hängen, verschwinde ich tief zwischen den Tannenzweigen – so gut, dass man mich lange suchen muss. Manche nennen mich sogar “den geheimen Star” unter dem Weihnachtsschmuck. Ich sage dazu nichts. Ich hänge einfach und genieße meine Rolle.
Dieses Jahr begann mein Abenteuer, als ich in der Woche vom Buß- und Bettag vorsichtig aus der großen, raschelnden Weihnachtskiste geholt wurde. Das Dekorationsteam der Zilleschule pustete den Staub des letzten Jahres von mir, polierte und drehte mich im Licht, ehe es mir den perfekten Platz in einem der dichtesten Tannenbäume grub. „Dieses Jahr findet dich niemand.“ Ich grinste innerlich. Genau diesen Satz höre ich jedes Mal – und trotzdem erwischt mich am Ende irgendein findiger Schüler.
Als ich meinen Platz eingenommen hatte, konnte ich wunderbar beobachten, wie die Schule sich verwandelte. Die eine Hälfte der Zehntklässler wirbelte mit Schleifen, Papiersternen und Fenstermalstiften durch das Haus, während die andere Hälfte mit unserem Chor nach Sayda fuhr. Von meinem Baum aus hörte ich nur Bruchstücke – der Kunstkurs hämmerte den Thron fürs Theaterstück zusammen, ein anderer klagte über „schon wieder Tannennadeln in der Socke“, und irgendwo schepperte ein Karton voller Christbaumkugeln. Es roch nach Bastelkleber, nach frischem Holz und ein bisschen nach Aufregung.

Mit dem 01. Dezember begann die Weihnachtsprojektwoche und unser Schulhof war kaum wiederzuerkennen. Am 03. und 04. Dezember drängten sich die Menschen an die Stände, tranken heißen Punsch und versuchten, mit kalten Fingern Geld für Crêpes herauszufischen. Vom Grillstand zog der Duft gebratener Würstchen bis hinein zu meinem Baum und ich musste mich sehr beherrschen, nicht aus Versehen vor Hunger zu klirren.

Drinnen jedoch begann das eigentliche Spektakel: Ich konnte durch eine Lücke im Zweigwerk sehen, wie die Schauspieler hinter dem Vorhang herumhuschten – mal mit Krone, mal mit den Zalando-Paketen der kaufsüchtigen Schwester der Prinzessin, doch immer mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Begeisterung und Panik lag. Das Märchen vom wahren Wert war eine fantasievolle Mischung aus der Salzprinzessin und dem Film Alles steht Kopf, und manchmal wirkte es, als hätten die Schauspieler selbst kleine Gefühlsfiguren im Kopf, die gleichzeitig aufgeregt, überdreht und vor allem stolz waren.

Sobald das Theaterstück endete und das Publikum kurz durchatmete, bebte plötzlich das Erdgeschoss. Unsere Schulband legte los – laut, rhythmisch, mitreißend. Die Bässe wanderten durch den Boden bis zu meinem Baum hinauf und ließen mich leicht mitschwingen. Die Band spielte mit einer Energie, die das ganze Haus füllte. Manchmal hörte ich jemanden sagen: „Das ist wie ein kleines Konzert mitten in der Schule!“ Und ich musste zustimmen.
Doch ohne die Acht- und Neuntklässler aus dem Wahlbereich Spot and Sound wäre das alles nicht möglich gewesen. Sie prüften Mikrofone, verkabelten Nebelmaschinen, richteten Scheinwerfer aus und murmelten technische Befehle, als wären sie Teil eines geheimen Einsatzkommandos. Ich bewunderte sie sehr – während sich der große Applaus auf die Bühne richtete, sorgten sie im Hintergrund dafür, dass alles überhaupt funktionierte.

Gegen 19:00 Uhr wurde es langsam still im Schulhaus, doch der Hauch einer Melodie erreichte mich trotzdem über Gassen und Straßen durch ein offengelassenes Fenster neben meinen Baum. Als der Chor schließlich in der Kirche sang, konnte ich es zwar nicht sehen – aber ich konnte es fühlen. Der Gesang hallte durchs Kirchgemäuer und schwebte über die Dächer der Stadt. Oh, was für Töne! Manche Stimmen sanft wie Schneeflocken, andere kräftig wie ein Wintersturm, die mir ein fast schon tänzerisches Mitschwingen abverlangten – so sehr, dass ich aufpassen musste, nicht zu baumeln und mich zu verraten. Schließlich wollte ich nicht, dass jemand mich zufällig findet! Traditionelle deutsche Lieder wechselten zu modernen Arrangements und englischen Melodien und obwohl der Chor weit weg stand, fühlte es sich an, als würde die ganze Schule mitatmen. 
Als alles vorbei war – das Theater, der Chor, der Markt – hing ich wieder still zwischen den Zweigen. Doch in mir funkelte etwas, das nicht einmal der schönste Christbaumschmuck übertreffen konnte: das Gefühl, Teil eines großen Ganzen gewesen zu sein.
Noch bin ich unentdeckt. Aber irgendwann, ganz sicher, wird jemand die richtige Bewegung machen, den richtigen Zweig zur Seite schieben, im richtigen Moment den Kopf heben. Und dann werde ich endlich gefunden werden. Bis dahin lausche ich, leuchte ich – und warte weiter auf meinen großen Moment, in dem ich ebenso strahlen kann wie unsere Zilleschüler in der vergangenen Woche.