Ich bin eine Gurke. Ja, wirklich: eine glitzernde, glasige Weihnachtsgurke, die jedes Jahr aufs Neue im Schulhaus versteckt wird. Während andere Kugeln stolz und gut sichtbar an den Ästen hängen, verschwinde ich tief zwischen den Tannenzweigen – so gut, dass man mich lange suchen muss. Manche nennen mich sogar “den geheimen Star” unter dem Weihnachtsschmuck. Ich sage dazu nichts. Ich hänge einfach und genieße meine Rolle.
Dieses Jahr begann mein Abenteuer, als ich in der Woche vom Buß- und Bettag vorsichtig aus der großen, raschelnden Weihnachtskiste geholt wurde. Das Dekorationsteam der Zilleschule pustete den Staub des letzten Jahres von mir, polierte und drehte mich im Licht, ehe es mir den perfekten Platz in einem der dichtesten Tannenbäume grub. „Dieses Jahr findet dich niemand.“ Ich grinste innerlich. Genau diesen Satz höre ich jedes Mal – und trotzdem erwischt mich am Ende irgendein findiger Schüler.
Als ich meinen Platz eingenommen hatte, konnte ich wunderbar beobachten, wie die Schule sich verwandelte. Die eine Hälfte der Zehntklässler wirbelte mit Schleifen, Papiersternen und Fenstermalstiften durch das Haus, während die andere Hälfte mit unserem Chor nach Sayda fuhr. Von meinem Baum aus hörte ich nur Bruchstücke – der Kunstkurs hämmerte den Thron fürs Theaterstück zusammen, ein anderer klagte über „schon wieder Tannennadeln in der Socke“, und irgendwo schepperte ein Karton voller Christbaumkugeln. Es roch nach Bastelkleber, nach frischem Holz und ein bisschen nach Aufregung.
Mit dem 01. Dezember begann die Weihnachtsprojektwoche und unser Schulhof war kaum wiederzuerkennen. Am 03. und 04. Dezember drängten sich die Menschen an die Stände, tranken heißen Punsch und versuchten, mit kalten Fingern Geld für Crêpes herauszufischen. Vom Grillstand zog der Duft gebratener Würstchen bis hinein zu meinem Baum und ich musste mich sehr beherrschen, nicht aus Versehen vor Hunger zu klirren.

