Ein Land ist kein Schnellboot. Es gleicht eher einem großen Tanker: Selbst, wenn oben auf der Brücke das Steuer herumgerissen wird, fährt das Schiff noch lange in die alte Richtung weiter. So ist es auch mit der Energiewende. Während sich die energiepolitische Debatte in Berlin und in den Bundesländern zunehmend verändert, werden vor Ort weiterhin Entscheidungen getroffen, die auf Annahmen beruhen, die vielerorts längst infrage gestellt werden.
Rechtsgrundlage ist das Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG), das bis 2032 zwei Prozent der Bundesfläche für Windenergie vorsieht, bis 2027 ist die Vorgabe für Sachsen 1,3%
https://www.gesetze-im-internet.de/windbg/
Doch während auf regionaler Ebene Flächen gesichert werden, verschiebt sich die energiepolitische Debatte auf nationaler und europäischer Ebene deutlich.
Der Strombedarf wächst – die Liefersicherheit sinkt
Nach Szenarien des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) wird der deutsche Strombedarf langfristig auf 750 bis 800 TWh jährlich ansteigen — gegenüber heute rund 500–550 TWh.
Quelle: BMWK Langfristszenarien zur Energiewende
www.bmwk.de/Redaktion/DE/Artikel/Energie/langfristszenarien.html
Treiber sind:
- Elektromobilität
- Wärmepumpen
- Elektrifizierung energieintensiver Industrie
- Künstliche Intelligenz
- Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft
Die Energiewende in ihrer weltweit einzigartigen deutschen Variante möchte dabei nicht nur den Zuwachs durch so genannte „erneuerbare Energien“ sicherstellen, sondern auch die energetische Basis revolutionieren und schafft nach und nach die gesamte bisherige Energieinfrastruktur ab.
Was bedeuten 1,4 Prozent Fläche für Windkraft konkret?
Deutschland hat rund 357.600 km² Fläche. Die Bundesvorgabe bis 2027 beträgt für
Sachsen 1,3%, im Bundes-Schnitt 1,4 Prozent. Das entspricht rund 5.000 km² Windvorranggebiete oder fünfeinhalb Mal die Fläche Berlins. Es ist klar, dass nicht auf jedem Vorranggebiet am Ende tatsächlich gebaut wird. Aber nehmen wir mal an, es würden tatsächlich alle Flächen bebaut. Wieviel Energie würden wir dadurch sicher gewinnen?
Die Typische Leistungsdichte moderner-Windparks beträgt etwa 5–8 MW pro km²
Quelle: Fachagentur Windenergie an Land
https://www.fachagentur-windenergie.de
Rechnen wir mit dem MIttelwert 6,5 MW/km²:
5000 km² × 6,5 MW/km² = ca. 32 GW zusätzliche installierte Leistung auf diesen Flächen. Deutschland verfügt derzeit bereits über rund 80 GW installierte Windleistung.
Quelle: Fraunhofer Energy Charts
https://energy-charts.info
Installierte Leistung vs. gesicherte Leistung
Die Bundesnetzagentur weist regelmäßig darauf hin, dass für die Versorgungssicherheit aber nicht die installierte Leistung, sondern die gesicherte Leistung entscheidend ist – die Leistung die im Durchschnitt tatsächlich zur Verfügung steht.“
www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/versorgungssicherheit-node.html
Konkret: diese durchschnittliche Dauerleistung („gesicherte Leistung“) beträgt bei Windkraft in Deutschland nur etwa 18–20 Prozent der installierten Leistung.
Das bedeutet, wir rechnen wieder den Mittelwert, 32 GW × 19% = ca. 6 GW durchschnittliche Dauerleistung oder umgerechnet etwa 50 TWh pro Jahr, die zur bereits installierten Dauerleistung von 120 bis 130 TWh hinzukämen. Für den prognostizierten Gesamtbedarf von bis zu 800 TWh jährlich ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Genau hier beginnt die Systemfrage: Wo soll die prognostizierte Energie herkommen? Offshore-Windräder liefern noch einmal ca. 30 TWh, Photovoltaik schafft es mit einer fast identischen installierten Leistung sogar nur auf 65 TWh.
Datenbasis: Fraunhofer Energy Charts
https://energy-charts.info
Die politische Neubewertung läuft
Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz bezeichnete im Januar 2026 den deutschen Atomausstieg als „schweren strategischen Fehler“.
Auch unser Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach sich mehrfach für eine Neubewertung der Kernenergie aus. Ende 2025 sagte er: „Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir entscheiden müssen, ob wir ein neues Atomkraftwerk bauen. Klar ist, dass Strom kein knappes, teures Gut sein darf.“ Kretschmer verwies auf Länder wie Polen, die mit der Klimaagenda der EU im Rücken in die Atomkraft einsteigen. "Wir sprengen die letzten Kühltürme. Das ist total bitter."
Frankreich setzt in seiner Energiepolitik ausdrücklich auf einen Mix aus erneuerbaren Energien und Kernenergie. Präsident Emmanuel Macron erklärte in seiner Rede zur Energiepolitik am 10. Februar 2022 in Belfort: „Wir müssen in der Lage sein, bis zu 60 % mehr Strom als heute zu produzieren.“ Windkraft wird jedenfalls nicht dort erzwungen, wo es Konfliktpotential und zugleich nur mäßiges Energiepotential gibt.
Alice Weidel ist in diesem Punkt mit Macron deckungsgleich und sagte nur wenige Monate später: „Moderne Kernkraft ist ein wichtiger Baustein im Energiemix der Zukunft.“
Der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte zum damaligen Zeitpunkt einen Wiedereinstieg in die Kernenergie abgelehnt und argumentiert, neue Kernkraftwerke seien zu teuer und der Bau würde zu lange dauern, um Energieengpässe zu beseitigen. Warum man die bestehenden Kraftwerke dann gesprengt hat, bleibt eine offene Frage.
Der energiepolitische Kurs der aktuellen Regierungskoalition ist widersprüchlich: Einerseits wird der Ausstieg aus der Kernkraft als Fehler bezeichnet, andererseits schreitet der irreversible Rückbau der Infrastruktur voran. In Gundremmingen, im Sprengel von Markus Söder, wurden erst im Oktober 2025 zwei Kühltüme gesprengt.
4 km² für Atomstrom gegen 5000 km² für Wind
Auch Japan ist wieder in die Atomkraft eingestiegen. Zum Beispiel wurde am von der Fukushima-Katastrophe betroffenen Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa im Januar 2026 ein weiterer Block wieder in Betrieb genommen. Das Kraftwerk verfügt über eine installierte Leistung von rund 8 Gigawatt und liegt auf einem Gelände von etwa 4 Quadratkilometern. Bei einer typischen Verfügbarkeit moderner Kernkraftwerke von rund 90 Prozent entspricht das einer möglichen Jahresproduktion von deutlich über den 50 Terawattstunden Strom, die (wie oben gezeigt) mit Wind auf 5000 Quadratkilometern gewonnen werden.
Die Paradigmenfrage
Wenn ein wachsender Energiebedarf auf begrenzte Flächen, volatile Erzeugung und ungelöste Speicherfragen trifft, unsere Umwelt massiv verändert und für Spitzenlasten dennoch konventionelle Parallelstrukturen benötigt werden, sollten wir dann nicht den Mut haben, auch in den kommunalen Parlamenten genau hinzusehen – und von den Entscheidern einzufordern, die Systemarchitektur endlich grundlegend zu überprüfen?
Je eher wir die Trägheit des Tankers erkennen, desto eher vermeiden wir Kurskorrekturen unter Zeitdruck.