Mögliches Ziel für Radeburg und Ebersbach: 18 Windräder

Aus dem Stadtrat berichtet / Regionaler Planungsverband: 18 Windräder vom Typ Vestas V172 würden in die im Regionalplan vorgesehenen Flächen passen. Diese Größenordnung nannte Bürgermeisterin Michaela Ritter in der Stadtratssitzung am 26. Februar zwar nicht, informierte aber darüber, dass am Tag der Sitzung der Teilregionalplan „Energieversorgung/Windenergienutzung“ veröffentlicht wurde. Sie zitierte ein Schreiben, das im Wesentlichen mit dem Newsletter des Regionalen Planungsverbandes Oberes Elbtal/Osterzgebirge identisch ist, der am selben Tag veröffentlicht wurde.

In der markierten Fläche könnten künftig zum Beispiel zwei Vestas V172 stehen. Klick ins Bild lädt Datenblatt VRG 39 Radeburg (PDF) herunter. Quelle: Teilregionalplan Wind

Wie aus dem Newsletter hervorgeht, müssen bis zum 31. Dezember 2027 mindestens 1,3 Prozent der Fläche in der Planungsregion als Vorranggebiete für die Windenergienutzung bereitgestellt werden.

Die Planungsregion umfasst neben dem Landkreis Meißen auch Teile des Osterzgebirges und des Großraums Dresden. Der Verband steht laut Newsletter vor „einigen Herausforderungen“, insbesondere aufgrund von Siedlungsdichte, Schutzgebieten und naturräumlichen Strukturen (siehe Tabelle unten).

Der in den vergangenen anderthalb Jahren erarbeitete Planentwurf soll am 23. März 2026 in der Verbandsversammlung zur Freigabe für das öffentliche Beteiligungsverfahren vorgelegt werden.

Sofern die Freigabe erfolgt, beginnt das Beteiligungsverfahren voraussichtlich in der ersten Maihälfte und läuft bis in den Juli hinein. Begleitend kündigt der Verband Informationsveranstaltungen für die Öffentlichkeit an.

Bürgermeisterin Ritter erläuterte im Stadtrat, dass die Planunterlagen am 26. Februar an die Mitglieder der Verbandsversammlung versandt und gleichzeitig online zugänglich gemacht wurden. Sinngemäß verwies sie darauf, dass die Kommunen damit frühzeitig informiert seien und nun die Möglichkeit bestünde, sich intensiv mit den Planunterlagen auseinanderzusetzen. Entscheidend sei, dass die Stadt ihre Belange im Verfahren sachlich und rechtzeitig einbringe.

Die Planunterlagen hat RAZ inzwischen durchgesehen. Der Flächenverbrauch beläuft sich auf 421 ha. Um sich das vorzustellen: das sind zusammen 590 Fußballfelder. Legt man die von SachsenEnergie genannte Faustzahl von rund 23 Hektar Bau- und Verkehrsfläche pro Anlage zugrunde, könnten auf den ausgewiesenen Vorrangflächen rechnerisch bis zu 18 Windenergieanlagen des Typs Vestas V172 entstehen. Die tatsächliche Zahl der Windräder hängt vom tatsächlich zum Einsatz kommenden Typ, konkreter Auslegung, Abständen, Artenschutz und Netzanbindung ab und soll hier nur als Orientierung dienen. Bei Errichtung dieser Anlagen mit bis zu 199 Meter Nabenhöhe und 172 Meter Rotordurchmesser (Gesamthöhe bis zu 280 Meter) beträgt die real zu erwartende Leistung etwa 126 Megawatt. Das entspricht einer jährlichen Strommenge von etwa 200 Gigawattstunden – rechnerisch genug für rund 57.000 Haushalte. Damit könnten beispielsweise die Haushalte einer Stadt wie Meißen und Großenhain zusammen vollständig versorgt werden. Allerdings handelt es sich dabei um einen reinen Jahresvergleich: Da Windenergie wetterabhängig erzeugt wird, fällt diese Art der Stromproduktion zeitlich sehr ungleichmäßig an. Eine sichere Stromversorgung ist das nicht und dem entgegen steht das Konfliktpotential in Bezug auf unsere natürliche Umwelt, deren Schädigung wir billigend in Kauf nehmen müssten.

Wie eine stabile, umweltverträgliche Stromversorgung künftig gewährleistet werden kann, gehört deshalb zu den zentralen energiepolitischen Fragen, für die sich nicht nur Bürgerinitiativen, sondern auch lokale Parlamente stark machen sollten. Eine Einordnung dazu lesen Sie in unserem Kommentar unten auf dieser Seite.

Links:

Übersicht der geplanten Vorranggebiete in unserer Region

VRG

Gebiet

Gemeinde(n)

Fläche (ha)

Anzahl Anlagen*

Umweltprüfung (Kurzfassung)

39

Radeburg

Radeburg

51,4

2

Mittleres bis hohes Konfliktpotenzial; sehr hoch bzgl. geschützter Arten & Natura 2000; teilweise Wald

23

Sacka

Thiendorf

20,9

1

Mittleres bis hohes Konfliktpotenzial; Nähe zu Natura-2000- und NSG-Gebieten; eingeschränkt empfehlenswert

24

Rödernsche Heide

Ebersbach

73,2

3

Hohes Konfliktpotenzial für mehrere Schutzgüter; Vorbelastung durch Infrastruktur

25

Ebersbach-Nordwest

Ebersbach

44,0

2

Mittleres Konfliktpotenzial; möglicher Bezug zu Natura-2000-Kohärenz

26

Ebersbach-West

Ebersbach

167,4

7

Mittleres Konfliktpotenzial; hoch bzgl. geschützter Arten & Vogelschutz

28

Naunhof

Ebersbach, Niederau

53,0

2

Mittleres Konfliktpotenzial; hohe Sichtexposition in Kleinkuppenlandschaft

29

Böhla,
Göra

Priestewitz,
Ebersbach

11,5

0–1

Geringes Konfliktpotenzial; mittel bzgl. Sichtbarkeit & Bodenfunktionen

* am Beispiel der Anlagen, die am Standort Kalkreuth/Reinersdorf geplant waren, ergibt sich folgende Rechengrundlage: ca. 23 ha Bau- und Verkehrsfläche pro Vestas V172 (69 ha für 3 Anlagen laut SachsenEnergie). Es können auch andere Anlagen errichtet werden. Die tatsächliche Anzahl hängt vom Typ und konkreter Auslegung ab.

 

Kommentar: Energiewende und die Trägheit eines Tankers

Ein Land ist kein Schnellboot. Es gleicht eher einem großen Tanker: Selbst, wenn oben auf der Brücke das Steuer herumgerissen wird, fährt das Schiff noch lange in die alte Richtung weiter. So ist es auch mit der Energiewende. Während sich die energiepolitische Debatte in Berlin und in den Bundesländern zunehmend verändert, werden vor Ort weiterhin Entscheidungen getroffen, die auf Annahmen beruhen, die vielerorts längst infrage gestellt werden.

Rechtsgrundlage ist das Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG), das bis 2032 zwei Prozent der Bundesfläche für Windenergie vorsieht, bis 2027 ist die Vorgabe für Sachsen 1,3%
https://www.gesetze-im-internet.de/windbg/

Doch während auf regionaler Ebene Flächen gesichert werden, verschiebt sich die energiepolitische Debatte auf nationaler und europäischer Ebene deutlich.

Der Strombedarf wächst – die Liefersicherheit sinkt

Nach Szenarien des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) wird der deutsche Strombedarf langfristig auf 750 bis 800 TWh jährlich ansteigen — gegenüber heute rund 500–550 TWh.
Quelle: BMWK Langfristszenarien zur Energiewende
www.bmwk.de/Redaktion/DE/Artikel/Energie/langfristszenarien.html

Treiber sind:

  • Elektromobilität
  • Wärmepumpen
  • Elektrifizierung energieintensiver Industrie
  • Künstliche Intelligenz
  • Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft

Die Energiewende in ihrer weltweit einzigartigen deutschen Variante möchte dabei nicht nur den Zuwachs durch so genannte „erneuerbare Energien“ sicherstellen, sondern auch die energetische Basis revolutionieren und schafft nach und nach die gesamte bisherige Energieinfrastruktur ab.

Was bedeuten 1,4 Prozent Fläche für Windkraft konkret?

Deutschland hat rund 357.600 km² Fläche. Die Bundesvorgabe bis 2027 beträgt für
Sachsen 1,3%, im Bundes-Schnitt 1,4 Prozent. Das entspricht rund 5.000 km² Windvorranggebiete oder fünfeinhalb Mal die Fläche Berlins. Es ist klar, dass nicht auf jedem Vorranggebiet am Ende tatsächlich gebaut wird. Aber nehmen wir mal an, es würden tatsächlich alle Flächen bebaut. Wieviel Energie würden wir dadurch sicher gewinnen?

Die Typische Leistungsdichte moderner-Windparks beträgt etwa 5–8 MW pro km²
Quelle: Fachagentur Windenergie an Land
https://www.fachagentur-windenergie.de

Rechnen wir mit dem MIttelwert 6,5 MW/km²:

5000 km² × 6,5 MW/km² = ca. 32 GW zusätzliche installierte Leistung auf diesen Flächen. Deutschland verfügt derzeit bereits über rund 80 GW installierte Windleistung.
Quelle: Fraunhofer Energy Charts
https://energy-charts.info

Installierte Leistung vs. gesicherte Leistung

Die Bundesnetzagentur weist regelmäßig darauf hin, dass für die Versorgungssicherheit aber nicht die installierte Leistung, sondern die gesicherte Leistung entscheidend ist – die Leistung die im Durchschnitt tatsächlich zur Verfügung steht.“
www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/versorgungssicherheit-node.html

Konkret: diese durchschnittliche Dauerleistung („gesicherte Leistung“) beträgt bei Windkraft in Deutschland nur etwa 18–20 Prozent der installierten Leistung.

Das bedeutet, wir rechnen wieder den Mittelwert, 32 GW × 19% = ca. 6 GW durchschnittliche Dauerleistung oder umgerechnet etwa 50 TWh pro Jahr, die zur bereits installierten Dauerleistung von 120 bis 130 TWh hinzukämen. Für den prognostizierten Gesamtbedarf von bis zu 800 TWh jährlich ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Genau hier beginnt die Systemfrage: Wo soll die prognostizierte Energie herkommen? Offshore-Windräder liefern noch einmal ca. 30 TWh, Photovoltaik schafft es mit einer fast identischen installierten Leistung sogar nur auf 65 TWh.

Datenbasis: Fraunhofer Energy Charts
https://energy-charts.info

Die politische Neubewertung läuft

Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz bezeichnete im Januar 2026 den deutschen Atomausstieg als „schweren strategischen Fehler“.

Auch unser Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach sich mehrfach für eine Neubewertung der Kernenergie aus. Ende 2025 sagte er: „Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir entscheiden müssen, ob wir ein neues Atomkraftwerk bauen. Klar ist, dass Strom kein knappes, teures Gut sein darf.“ Kretschmer verwies auf Länder wie Polen, die mit der Klimaagenda der EU im Rücken in die Atomkraft einsteigen. "Wir sprengen die letzten Kühltürme. Das ist total bitter."

Frankreich setzt in seiner Energiepolitik ausdrücklich auf einen Mix aus erneuerbaren Energien und Kernenergie. Präsident Emmanuel Macron erklärte in seiner Rede zur Energiepolitik am 10. Februar 2022 in Belfort: „Wir müssen in der Lage sein, bis zu 60 % mehr Strom als heute zu produzieren.“ Windkraft wird jedenfalls nicht dort erzwungen, wo es Konfliktpotential und zugleich nur mäßiges Energiepotential gibt.

Alice Weidel ist in diesem Punkt mit Macron deckungsgleich und sagte nur wenige Monate später: „Moderne Kernkraft ist ein wichtiger Baustein im Energiemix der Zukunft.“

Der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte zum damaligen Zeitpunkt einen Wiedereinstieg in die Kernenergie abgelehnt und argumentiert, neue Kernkraftwerke seien zu teuer und der Bau würde zu lange dauern, um Energieengpässe zu beseitigen. Warum man die bestehenden Kraftwerke dann gesprengt hat, bleibt eine offene Frage.

Der energiepolitische Kurs der aktuellen Regierungskoalition ist widersprüchlich: Einerseits wird der Ausstieg aus der Kernkraft als Fehler bezeichnet, andererseits schreitet der irreversible Rückbau der Infrastruktur voran. In Gundremmingen, im Sprengel von Markus Söder, wurden erst im Oktober 2025 zwei Kühltüme gesprengt.

4 km² für Atomstrom gegen 5000 km² für Wind

Auch Japan ist wieder in die Atomkraft eingestiegen. Zum Beispiel wurde am von der Fukushima-Katastrophe betroffenen Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa im Januar 2026 ein weiterer Block wieder in Betrieb genommen. Das Kraftwerk verfügt über eine installierte Leistung von rund 8 Gigawatt und liegt auf einem Gelände von etwa 4 Quadratkilometern. Bei einer typischen Verfügbarkeit moderner Kernkraftwerke von rund 90 Prozent entspricht das einer möglichen Jahresproduktion von deutlich über den 50 Terawattstunden Strom, die (wie oben gezeigt) mit Wind auf 5000 Quadratkilometern gewonnen werden.

Die Paradigmenfrage

Wenn ein wachsender Energiebedarf auf begrenzte Flächen, volatile Erzeugung und ungelöste Speicherfragen trifft, unsere Umwelt massiv verändert und für Spitzenlasten dennoch konventionelle Parallelstrukturen benötigt werden, sollten wir dann nicht den Mut haben, auch in den kommunalen Parlamenten genau hinzusehen – und von den Entscheidern einzufordern, die Systemarchitektur endlich grundlegend zu überprüfen?

Je eher wir die Trägheit des Tankers erkennen, desto eher vermeiden wir Kurskorrekturen unter Zeitdruck.