Heinrich-Zille-Karikaturenpreis: Preisverleihung zwischen Schneepanik und Pulverfass

Erstmals geht der Heinrich-Zille-Karikaturenpreis an eine Frau. Mit einer eindringlichen Anti-Kriegsgrafik überzeugte die Leipziger Künstlerin Ulrike Wodner die Jury. Ihre Arbeit steht exemplarisch für die neue Ausstellung, in der sich Humor gegen Krieg, Rüstung und Machtzynismus in Position bringt, aber wo man auch mit Witz, überraschenden Sichtweisen und nicht zuletzt Selbstironie zum Lachen und schließlich Neu-Nachdenken über Sachverhalte und Verhaltensweisen angeregt wird.

Preisträgerin Ulrike Wodner präsentiert den Heinrich-Zille-Karikaturenpreis 2026,

Preisträgerin Ulrike Wodner präsentiert den Heinrich-Zille-Karikaturenpreis 2026, begleitet von den Juroren Mario Süßenguth, Dr. Peter Ufer, Laudator Andreas Berger (MDR), Michaela Ritter und ein Vertreter des Sponsors, der REWE-Petz GmbH. Foto: Rösler, Grafik: Wodner, Montage: Kroemke, Ideenwerk

Trotz winterlicher Bedingungen war die Preisverleihung im Ratssaal sehr gut besucht, ebenso die sich anschließende Eröffnung der Ausstellungseröffnung – und genau damit eröffnete Bürgermeisterin Michaela Ritter ihre Rede zur Verleihung des Heinrich-Zille-Karikaturenpreises. Nach der formellen Begrüßung prominenter Gäste und Würdigung der zahlreichen Mitwirkenden betrachtete sie den mit zahlreichen Extrastühlen besetzten Saal und meinte: „Aber besonders freut mich, dass so viele trotz winterlicher Bedingungen mitten im Januar den Weg zu unserer Veranstaltung gefunden haben“. Noch zwei Tage zuvor habe man angesichts medialer gegenseitiger Überbietungen glauben müssen, „Deutschland, Europa, ja, die ganze Welt gehe unter – wegen Schneefall mitten im Winter“.

Das war mehr als ein Wetterkommentar. Die Stimmung war gesetzt. Die Lacher auf ihrer Seite. Er war ein ironischer Seitenblick auf eine Gegenwart, die sich ständig selbst dramatisiert. Michaela Ritter spannte den Bogen rasch weiter und fragte, was Heinrich Zille, der berühmte Sohn der Stadt, wohl zur heutigen Welt gesagt hätte:
„Als kritischer Beobachter menschlicher Abgründe und gesellschaftlicher Absurditäten hätte unser Pinsel-Heinrich seine künstlerische Freude an unserer heutigen Welt. Da bin ich mir sicher.“

Genug Stoff gebe es allemal: „Künstliche Intelligenz? Die sich scheinbar umgekehrt proportional zur natürlichen entwickelt? Alte weiße Männer, die sich weltweit alles erlauben dürfen, ohne dass sie irgendjemand aufhält. Milliarden für Panzer. Wie viele Nullen hat gleich eine Milliarde?“

Damit war der Rahmen der Ausstellung klar umrissen: Humor als Schneeschieber für die darunter liegende Realität, Karikatur, die die verschütteten Risse der aus den Fugen geratenen Welt aufdeckt.

Kein Smalltalk über Schnee, sondern Tacheles über kalten und heißen Krieg

Mario Süßenguth (am Rednerpult) von der Galerie Komische Meister Dresden erinnerte daran, dass der Heinrich-Zille-Karikaturenpreis vor acht Jahren gemeinsam mit der Stadt Radeburg aus der Taufe gehoben wurde, in einer Zeit, in der Kulturförderung alles andere als selbstverständlich sei. Sein Dank galt ausdrücklich der Stadt, den Sponsoren REWE und Ideenwerk Radeburg und den vielen Karikaturisten aus ganz Deutschland, die den Wettbewerb überhaupt erst möglich machten.

Mit rund 500 Einsendungen zum Thema „Jetzt kracht’s – das Leben ist ein Pulverfass“ habe sich erneut gezeigt, welchen Stellenwert der Preis inzwischen habe. Er gehöre längst zu den renommierten Karikaturenpreisen in Deutschland. Heinrich Zille sei dabei kein museales Aushängeschild, sondern lebendige Referenz. Süßenguth zitierte Zille, der einmal gesagt habe:

„Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss.“

Diese Haltung zog sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Zille, später in Berlin als „Pinselheinrich“ bekannt geworden, habe mit einem Strich das Alltägliche in ewige Komik verwandelt. Nicht um zu verharmlosen, sondern um sichtbar zu machen. Karikatur, so Süßenguth, bedeute nicht Spott um des Spotts willen, sondern das Hinterfragen gesellschaftlicher Fassaden – liebevoll, scharf und manchmal schmerzhaft zugleich.

Gedämpfte Stimmung, klare Worte

Dr. Peter Ufer konnte nicht umhin, sich zunächst als „alter weißer Mann“ zu outen und machte umgehend klar, dass er diese kühne Verallgemeinerung schon verziehen hat: „Wir mögen sie trotzdem, Frau Ritter,“ begann er seine Rede und griff dann Süßenguths Gedankenfaden auf. Er sprach von einer spürbar ernsteren Stimmung als in früheren Jahren. Das liege nicht am Winter, sondern an der Weltlage. Karikaturen seien längst stärker politisiert, gerieten zunehmend unter Druck – und seien gerade deshalb unverzichtbar.

Anhand einzelner Arbeiten führte Ufer durch die Ausstellung und zeigte, wie tief das diesjährige Thema reiche: Krieg als Abgrund, aber nicht als einziger. Beziehungsdefekte, Generationskonflikte, historische Vergesslichkeit, Machtbequemlichkeit, männlicher Größenwahn und kollektive Wissensdemenz tauchten immer wieder auf – oft humorvoll gebrochen, manchmal bitter, nie beliebig.

Der Krieg selbst erscheine in vielen Arbeiten als organisierter Wahnsinn: ausgetragen von jungen Menschen, beschlossen von alten Männern, die sich kennen und hassen, aber zu bequem seien, selbst Risiken einzugehen. Andere Motive suchten Gegenbilder – Nachbarschaft, Vertrauen, Aufmerksamkeit –, ohne sich Illusionen hinzugeben. Humor werde hier nicht zur Flucht, sondern zur Überlebensstrategie. „Ohne Humor ist es noch schwerer“, so Ufer. Lachen sei besser als jedes Krachen.

Zille und Wodner – Geschwister im Geiste

Zum ersten Mal ging der Heinrich-Zille-Karikaturenpreis an eine Frau: Ulrike Wodner. Die Jury würdigte ein Bild, das drastisch ist. Die Friedenstaube, eindeutig identifizierbar mit dem Lorbeer im Schnabel hinterlässt, was Tauben zum allgemeinen Ärger immer so gern hinterlassen, wenn sie wegfliegen – auf Plätzen, auf Kleidern, auf Köpfen. Bei der Jury aber herrschte bei der Betrachtung der Zeichnung große Freude, dass der eklige Klecks auf einem Panzer landete. Das Publikum sah es jedenfalls genauso, was es durch großen Applaus zum Ausdruck brachte.

Die Preisträgerin Ulrike Wodner wurde 1962 in Wippra (Sachsen-Anhalt) geboren. Über den „Umweg“ eines Studiums als Grafikdesignerin wurde sie von einer technischen zu einer künstlerischen Zeichnerin. Sie lebt und arbeitet in Leipzig-Schleußig und ist Mitglied der Cartoonlobby. Seit vielen Jahren ist sie regelmäßig auf nationalen und internationalen Ausstellungen vertreten und nahm unter anderem am Deutschen Karikaturenpreis, am Deutschen Cartoonpreis, an der Triennale der Karikatur in Greiz sowie am internationalen World-Press-Cartoon-Wettbewerb teil.

Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine reduzierte Bildsprache aus, sie arbeitet mit Radierungen, Drucken, Zeichnungen und Cartoons und verbindet dabei feinen Humor mit Gesellschaftskritik. 2023 erhielt sie beim internationalen Satyrykon-Festival in Legnica einen Preis der Andrzej-Tomia?oj?-Stiftung, weitere Auszeichnungen folgten.

„Ich freue mich, dass der Preis, den ich bekomme, den Namen Heinrich Zille trägt, den ich tatsächlich sehr verehre,“ bedankte sich die Ausgezeichnete. Zille zeigte in seinen Bildern die Folgen von Krieg und Gewalt, Ulrike Woder bringt ihre Ablehnung zum Ausdruck. Zille hätte diese Ehrung sicher besonders gefreut – nicht primär, weil sie die erste Frau ist, die den Preis bekam, sondern weil er und sie Geschwister im Geiste sind.

Die Sonderausstellung ist noch bis 14. April im Heimatmuseum zu sehen. Nutzen Sie die Möglichkeit, den „Publikumsliebling“ zu wählen!