Trotz winterlicher Bedingungen war die Preisverleihung im Ratssaal sehr gut besucht, ebenso die sich anschließende Eröffnung der Ausstellungseröffnung – und genau damit eröffnete Bürgermeisterin Michaela Ritter ihre Rede zur Verleihung des Heinrich-Zille-Karikaturenpreises. Nach der formellen Begrüßung prominenter Gäste und Würdigung der zahlreichen Mitwirkenden betrachtete sie den mit zahlreichen Extrastühlen besetzten Saal und meinte: „Aber besonders freut mich, dass so viele trotz winterlicher Bedingungen mitten im Januar den Weg zu unserer Veranstaltung gefunden haben“. Noch zwei Tage zuvor habe man angesichts medialer gegenseitiger Überbietungen glauben müssen, „Deutschland, Europa, ja, die ganze Welt gehe unter – wegen Schneefall mitten im Winter“.
Das war mehr als ein Wetterkommentar. Die Stimmung war gesetzt. Die Lacher auf ihrer Seite. Er war ein ironischer Seitenblick auf eine Gegenwart, die sich ständig selbst dramatisiert. Michaela Ritter spannte den Bogen rasch weiter und fragte, was Heinrich Zille, der berühmte Sohn der Stadt, wohl zur heutigen Welt gesagt hätte:
„Als kritischer Beobachter menschlicher Abgründe und gesellschaftlicher Absurditäten hätte unser Pinsel-Heinrich seine künstlerische Freude an unserer heutigen Welt. Da bin ich mir sicher.“
Genug Stoff gebe es allemal: „Künstliche Intelligenz? Die sich scheinbar umgekehrt proportional zur natürlichen entwickelt? Alte weiße Männer, die sich weltweit alles erlauben dürfen, ohne dass sie irgendjemand aufhält. Milliarden für Panzer. Wie viele Nullen hat gleich eine Milliarde?“
Damit war der Rahmen der Ausstellung klar umrissen: Humor als Schneeschieber für die darunter liegende Realität, Karikatur, die die verschütteten Risse der aus den Fugen geratenen Welt aufdeckt.

