800 Jahre Schützenwesen in Radeburg

Die Schützengesellschaft 1226 Radeburg feierte am 5. und 6. Juni auf dem Markt – mit Bürgerfest, Ehrenappell, Wettkämpfen und Blick in eine außergewöhnlich lange Geschichte.

Ehrenappell auf dem Radeburger Markt. Foto: blaulichtreport_rabu

Ehrenappell auf dem Radeburger Markt. Foto: blaulichtreport_rabu

Die Radeburger Privilegierte Schützengesellschaft ist einer der ältesten Schützenvereine Deutschlands: ältester in Sachsen, ältester in Ostdeutschland und ältester östlich der Elbe. Nur Goslar, Attendorn und Soest sind als ältere Vereine bekannt.

Auch die Vereinsfahne erzählt von dieser Geschichte. Zur Fahnenweihe am 6. Juni 2001 waren Dr. Albert Prinz von Sachsen und Herzog zu Sachsen sowie Prinzessin Elmira von Sachsen erschienen.

Exakt 25 Jahre später, am Freitag, dem 5. Juni, und Sonnabend, dem 6. Juni, hatte nun diese Tradition einen einmaligen Höhepunkt mit der 800-Jahrfeier. Der Auftakt war am Freitag um 18 Uhr mit Bühne, Zelten und Ständen. Ab 18.30 Uhr konnten sich Bürger selbst ausprobieren: beim Lichtpunkt-Schießen für Kinder und Jugendliche, am Kugel-Luftgewehr sowie am KK-Gewehr in der Schießröhre. Dazu gab es Informationen rund um den Schießsport – von einfachen Luftgewehren und Luftpistolen bis zu modernen Wettkampfsportgeräten. Um 19.30 Uhr lud das Heimatmuseum zu einer Führung durch die Sonderausstellung ein, um 21.30 Uhr wurden die Sieger der Wettbewerbe geehrt. Gegen 22 Uhr endete der erste Festabend.

Der feierliche Höhepunkt folgte am Sonnabend. Um 10 Uhr zogen der Spielmannszug, der Schützenverein und die Gastvereine auf dem Marktplatz ein. Danach stand der Ehrenappell im Mittelpunkt. Grußworte an die Schützen richteten als Ehrengäste der Meißner Landrat Ralf Hänsel, Radeburgs Bürgermeisterin Michaela Ritter, der Bürgermeister der Partnergemeinde Argenbühl, Roland Sauter, sowie Pfarrer Andreas Kecke von der Kirchgemeinde Radeburg. Adligen Besuch gab es diesmal nicht.

Bürgermeisterin Michaela Ritter ging in ihrer Rede auf einen scheinbaren „historischen Widerspruch“ ein. Der Schützenverein ist dem Namen nach älter als die Stadt. Die Stadt wird erstmals 1248 sicher urkundlich erwähnt; der Schützenverein führt dagegen die Jahreszahl 1226 im Namen.

„Es ist sicher davon auszugehen, dass Radeburg, das ja an einer Furt der Röder liegt, bereits im 11. Jahrhundert besiedelt war – mit einer Burg und einem slawischen Fischerdorf,“ sagte die Bürgermeisterin. Dass es keine Urkunde gibt, die das Jahr 1226 sicher belegt, führt sie auf einen Brand im Jahr 1612 zurück. Er vernichtete 124 Wohnhäuser, die Kirche und auch das Rathaus. Die darin befindlichen Urkunden und Dokumente seinen vernichtet worden. Aber dass die Zahl 1226 nicht so ganz aus der Luft gegriffen ist – dafür führte sie auch Belege an. „In den Trümmern des Rathauses fand man damals zwei wichtige Artefakte, die das Feuer verschont hatte,“ so das Stadtoberhaupt. Es handelte es sich um ein silbernes und teils vergoldetes Schützenzeichen in Form eines Adlers unter einem runden, mit Stadtwappen versehenen Siegel, sowie um eine Königskette mit dem Stadtwappen, der mit Türmen gekrönten Mauer, das die Jahreszahl 1239 trägt und an der 13 Königsschilder befestigt waren. Vermutet wurde: vermutlich für jedes Jahr eins.

Aus dieser Kombination rechnete man 13 Jahre von 1239 zurück und kam so auf ein vermutetes Gründungsjahr einer Schützenbruderschaft im Jahr 1226. Wo sich diese Artefakte derzeit befinden, ist nicht bekannt, sie sind aber in einem Verzeichnis historischer Gegenstände dokumentiert.

Beim Ehrenappell mit dabei waren auch befreundete Schützenvereine – unter anderem aus der Partnergemeinde Argenbühl, aus Großenhain und aus Ebersbach. Sie gaben dem Jubiläum nicht nur einen würdigen Rahmen, sondern machten zugleich deutlich, dass das Schützenwesen bis heute von Gemeinschaft, gegenseitiger Verbundenheit und lebendiger Vereinstradition getragen wird.

Gemeinsam erinnerten Sie daran, dass das Wort „Schützen“ nicht primär von „Schießen“ abzuleiten ist, sondern eine doppelte Bedeutung hat. Es ist auch eine 800-jährige Tradition, die Heimat zu schützen. Die Anwesenden legten eine Gedenkminute ein für alle Menschen, die beim Schutz ihrer Heimat ihr Leben ließen.

Im Anschluss begannen erneut die Wettkämpfe d. Auch an diesem Tag gab es das Lichtpunkt-Schießen für Kinder, das Kugel-Luftgewehr und das KK-Gewehr in der Schießröhre. Das Heimatmuseum bot Führungen an. Am Nachmittag wurden die Tagessieger der Wettkampfdisziplinen geehrt.

Wie die Wettbewerbe zeigen, ist Schützengesellschaft heute hauptsächlich ein Sportverein. Neben der Pflege der Tradition steht der aktive Schießsport im Mittelpunkt. So verband das Festwochenende auf dem Markt mehrere Ebenen: Erinnerung, Vereinsleben, sportlichen Wettbewerb und die Einladung an die Bürger, sich selbst auszuprobieren. Wer bisher mit Schützenwesen vor allem Uniform, Fahne und Tradition verband, konnte erleben, dass die sportliche Seite vor allem Beherrschung der Technik, Geschick und Konzentration erfordert. Vielleicht gelang es dem im doppelten Sinn „in die Jahre“ gekommenen Verein, interessierten Nachwuchs zu gewinnen.