Mit Volldampf zum Scheunenfest: Traditionsbahn brachte neue Gäste nach Radeburg

Das 4. Heinrich-Zille-Hof- und Scheunenfest verwandelte die Alte Poststraße am Sonntag, dem 23. August, erneut in eine lange Festmeile. Zwischen 11 und 21 Uhr öffneten sich Höfe, Scheunen und Garagen. Mehr als 50 Stationen boten historische Technik und Handwerkskunst, Musik, Sport, Mitmachangebote und reichlich Gelegenheit zum Essen und Trinken.

Eine wichtige Neuerung begann diesmal schon außerhalb des eigentlichen Festgeländes: Erstmals arbeiteten das Organisationsteam und die Traditionsbahn Radebeul gezielt zusammen. Ein historischer Sonderzug brachte Besucher aus Radebeul, Moritzburg und den Orten entlang der Strecke zum Radeburger Kleinbahnhof. Von dort waren es nur wenige Schritte bis zu den ersten Angeboten in der Alten Poststraße.

Pünktlich um 12.30 Uhr lief der Zug in Radeburg ein. Gezogen wurde der Traditionszug von einem Lokgespann aus der IK Nr. 54 und der grünen IV K 176. Bei der IK handelte es sich um einen 2009 fertiggestellten Nachbau der ersten in Sachsen gebauten Schmalspur-Dampflokomotive; die IV K 176 wurde 1912 gebaut.

Dass Eisenbahn und Scheunenfest zusammenfanden, war kein künstlich erdachtes Veranstaltungsformat. Die Idee entstand bereits zwei Jahre zuvor beinahe von selbst. Damals traf ein Fahrtag der Traditionsbahn zufällig mit dem Scheunenfest zusammen. Als die historischen Fahrzeuge in Radeburg ankamen, begegneten die Fahrgäste Menschen in Kleidung aus früheren Zeiten und einem Fest, dessen Höfe, Scheunen und Handwerksvorführungen bestens zum Erscheinungsbild des Zuges passten.

Beim vierten Fest wurde aus der zwei Jahre zuvor entstandenen Idee erstmals eine organisierte Zusammenarbeit. Dabei ging es nicht nur um den Sonderzug: Ein Teil der Besucher kam im Rahmen einer historischen Rundfahrt nach Radeburg, bei der Straßenbahn, Traditionszug und historische Busse miteinander verbunden wurden. Lukas Kuntzsch, Vorsitzender des Traditionsbahnvereins, hatte die Rundfahrt am Morgen selbst begleitet. „Das hat wunderbar funktioniert“, bilanzierte er.

Auch der Eisenbahnbetrieb verlief weitgehend planmäßig. Der Traditionszug sei auf die Minute genau abgefahren; lediglich durch eine Zugkreuzung in Moritzburg seien unterwegs etwa fünf Minuten hinzugekommen. Kuntzschs kurzes Fazit lautete: „Wunderbar, richtig gut.“

Die Premiere dürfte deshalb keine einmalige Verbindung bleiben. Auf die Frage, ob Scheunenfest und Traditionsbahn künftig wieder zusammenfinden könnten, antwortete Lukas Kuntzsch: „Sehr gerne.“ Über einen möglichen Termin im kommenden Jahr sei bereits gesprochen worden.

Historische Fahrzeuge blieben aber nicht auf den Kleinbahnhof beschränkt. Gleich am unteren Ende des Festgeländes setzte sich die Technikschau fort.

Früher waren Großdittmannsdorf und Boden noch eigenständige Gemeinden und besaßen jeweils eine eigene Feuerwehr. Aus dem Bestand der Bodener Feuerwehr konnte der Spritzenwagen erhalten werden. „Der Wagen sieht aus wie gestern gebaut“, stellte ein Besucher anerkennend fest. Darum kümmerte sich die Altersabteilung der Feuerwehr, bis sie mangels Mitgliedern aufgelöst wurde. Deshalb finden sich nun praktisch auf „Zuruf“ Freunde zusammen, um das Gefährt bei solchen Veranstaltungen zum Einsatz zu bringen. „Zum Einsatz“ heißt in dem Fall, dass Kinder Feuerwehrmann spielen und Löschangriffe auf Attrappen üben können. Wichtig sei, so die Bodener, dass sich weiterhin jemand um die historische Technik kümmere.

Stefan Müller, Anlieger der Alten Poststraße, präsentierte seine Sammlung motorisierter DDR-Zweiräder – vom Diamant-Fahrrad mit Motorbausatz über den SR 2 bis zu mehreren Simson-Modellen. Glanzstück war seine S 51, die er mit nahezu allem ausgestattet hatte, was zu DDR-Zeiten an Zubehör erhältlich war: „Alles, was es gab – und ein bisschen mehr.“

Zu diesem „bisschen mehr“ gehörten heute eine USB-Ladebuchse und eine Smartphonehalterung für die Navigation. Das Moped war trotz seines gepflegten Zustandes kein bloßes Ausstellungsstück: Seit dem Umbau hatte Müller damit bereits rund 11.000 Kilometer zurückgelegt. Wie viel Zeit und Geld in seinem Hobby steckte, wollte er lieber nicht ausrechnen: „Andere haben schlimmere Hobbys.“

An der Bühne war ständig etwas los

Während sich die Besucher durch Höfe und Scheunen bewegten, bildete das Bühnenprogramm einen zweiten Schwerpunkt des Festes. Die beiden Magier Pascal Dalchau und Florian Steinborn, beide aus Sacka, eröffneten kurz vor 12 im Bereich der Tribüne die Programmfolge mit einem Reigen spektakulärer Zaubervorführungen, bei denen das Publikum aus dem Staunen einfach nicht mehr heraus kam. Obwohl man unmittelbar davor stand, konnte man das Verschwinden von Gegenständen und ihr Wiederauftauchen an ganz anderen Orten nur staunend zur Kenntnis nehmen – oder man scheiterte als Assistent immer wieder an der Aufgabe, von einem Strick zwei Enden gleich lang abzuschneiden.

Um 13 Uhr folgte Livemusik mit Ulf Walther, der wie alle Musiker aus Freude an der Musik und am gemeinsamen Feiern auftrat.

Eine Stunde später gab der Boxclub Radeburg mit vier seiner Nachwuchs- und Wettkampfsportler Einblicke in sein Training. Beim Seilspringen, Schatten- und Tatzenboxen zeigten sie Übungen, die der Erwärmung, Ausdauer, Koordination und technischen Schulung dienten.

Besondere Aufmerksamkeit galt Helene Lehmann, der derzeit erfolgreichsten Nachwuchsboxerin des Vereins. Beim Golden Girls Cup im schwedischen Borås hatte sie zu Jahresbeginn in einem Feld von mehr als 500 Sportlerinnen aus 30 Nationen die Goldmedaille gewonnen. Über ihren anschließenden Titel als sächsische Landesmeisterin der Jugend berichtete der RAZ bereits. „Innerhalb Sachsens sei es inzwischen teilweise schwierig, überhaupt noch eine passende Gegnerin für sie zu finden,“ erklärte Clubvorsitzender Erik Behnke bei der Vorführung.

Historisches Flair brachte der Kostümverleih Tennert auf die Bühne. Bei zwei Modenschauen um 15 und 17 Uhr erzählten Kleider Geschichten aus vergangenen Zeiten. Die Vorführungen ergänzten das historische Erscheinungsbild des Festes, das sich auch in alten Maschinen, Werkzeugen, Handwerkskünsten und der Gestaltung zahlreicher Stände widerspiegelte.

Um 18 Uhr waren schließlich nicht nur die Akteure gefragt. Gemeinsam mit den Besuchern wurde der „Radeburger Topflappentanz“ durch die Radeburger Diskofox-Tanzgruppe unter (An-)Leitung von Markus Schilling getanzt. Die dafür zuvor zusammengesuchten Topflappen kamen nun zu ihrem ungewöhnlichen Einsatz. Damit erhielt das Bühnenprogramm einen Abschluss, bei dem es weniger um vollendete Tanzkunst als vielmehr gemeinsamer Freude am Mitmachen ging.

Auch abseits der Bühne gab es Programmpunkte mit festen Zeiten. Am frühen Nachmittag starteten am Stand 9 zwei historische Stadtführungen durch die Carolinenstraße. Zur gleichen Zeit wie die erste Führung lud die TamTamBand am Stand 4 zum gemeinsamen Tanzen ein – und hörte dann einfach nicht auf. Um 17 Uhr wurde in der „Rammlerscheune“ das Ergebnis des traditionellen Hasenwiegens bekannt gegeben.

Die Häsin wog 8250 Gramm – und das Gewicht tippten gleich vier exakt richtig, was den Vereins-Chef Thomas Ley ins Grübeln brachte, denn wie sollte er den Preis – einen Hasenbrachten im Wert von 70 Euro – nun vergeben? Er entschied unter dem Jubel der Anwesenden, dass jeder einen „ganzen Preis“ bekommen sollte.

Radeburger Vereine suchten den Stärksten

Eine weitere Premiere begann um 15 Uhr auf der Wiese an der katholischen Kirche. Beim neuen Tauzieh-Wettbewerb traten Radeburger Vereine und Gruppen gegeneinander an. Nach Angaben des Organisationsteams hatten sich der Boxclub, der Boxclub-Nachwuchs, der RCC, die Rödern-Gang, die Radeburger Jungs, TSV und die Koma-Kolonne angekündigt. In dem harten, von dutzenden Zuschauern umringten Ausscheidungs-Wettbewerb kam es zum Finale der Härtesten: die Koma-Kolonne ließ sich schließlich trotz beherzten Widerstands von den Boxclub-Männern über die Mittellinie ziehen (siehe Foto)

Mit dem Tauziehen erhielt das Fest einen Wettbewerb, der gute Chancen hatte, zu einer neuen Tradition zu werden: Er verband sportlichen Ehrgeiz, Gemeinschaftsgefühl und den Spaß von Zuschauern und Teilnehmern.

Mehr als 50 Stationen entlang der Alten Poststraße

Zwischen den festen Programmpunkten blieb genug zu entdecken. Steinmetz, Korbmacher, Holzhandwerker, Imker und Spinnerinnen zeigten ihre Fertigkeiten. Alte Maschinen und Werkzeuge waren ebenso zu sehen wie Buchdruck und historische Bürotechnik. Kinder konnten basteln, sich schminken lassen oder auf einem historischen Kinder-Riesenrad ihre Runden drehen.

Der Zauberspiegel verwandelte junge Besucher in Fantasiegestalten, während in den Scheunen gemalt, gestrickt, gehäkelt und gewerkelt wurde. Beim Schützenverein durfte ausprobiert, beim Kinderferienlager- und Jugendfreizeitverein mitgemacht und an zahlreichen Ständen zugeschaut oder selbst Hand angelegt werden.

Auch kulinarisch war die Alte Poststraße wieder breit aufgestellt. Zwischen Kartoffelpuffern, Krautnudeln, Fischbrötchen, Räucherkäse, Quark und Kartoffeln, Plinsen, Fettbemmen, Quarkbällchen, Kuchen und Waffeln musste niemand hungrig bleiben. Wein, Bier, Bowle, Kräuterwasser und Hauslimonaden sorgten dafür, dass auch der Durst nicht lange anhielt.

Das Fazit des Tages überlassen wir Moderator Nils Scheidweiler: „Eine solche Veranstaltung mit so viel Liebe zum Detail und Herzlichkeit ehrenamtlich und ohne Gewinnerwartung durchzuführen – einfach nur, damit die Leute Freude und Spaß haben und sich in Radeburg zu Hause fühlen –, das ist selten und unbezahlbar.“

Sein Dank galt den Organisatoren und allen Mitwirkenden, „den kleinen Rädchen, die da mitmachen“. Dabei nahm er sich selbst nicht aus: „Ich bin selber nur ein kleines Rädchen. Respekt vor dieser Leistung – es war ein wunderschöner Tag.“

"Was vor einiger Zeit mit einer kleinen „Idee“ begann, hat sich zu etwas ganz Besonderem entwickelt: Gemeinsam haben wir eine ganze Straße zum Leben erweckt und für einen Tag „Zilles Zeiten“ nach Rabu geholt.
Dass aus einer kleinen "Idee" mal so ein stimmungsvolles und lebendiges Fest werden konnte, verdanken wir vor allem euch! Den vielen fleißigen Händen, kreativen Köpfen, Unterstützern, Mitdenkern, Anpackern und all denen, die auf ihre ganz eigene Art zum Gelingen beigetragen haben.
Alle namentlich zu nennen, würde leider den Rahmen sprengen, deshalb sagen wir einfach und von Herzen:
DANKE!
Wir glauben, Zille hätte seine wahre Freude daran gehabt.

Herzlichst
Euer Org-Team
Manuel, Uwe, Hendrik & Stephanie