Also: Warum steht das Gerüst noch?
Damit die Holzkonstruktion des Turmes ein langes Leben hat, musste sie „nur noch“ eingekleidet werden, und zwar komplett innen und außen. Dafür waren für die historische Optik „vorverwitterte“ Zinkbleche anzubringen. „Das sind 550 Einzelteile, diese mussten vor Ort passgerecht gekantet werden,“ erklärt Dachklempnermeister Uwe Berge. Zusammen mit seinem Sohn Patrick hat er geschätzte 500 Stunden investiert. Der Stadtrat zuckt mit den Schultern und sagt: „Das kann keiner bezahlen. Das macht man eben, weil man Radeburger ist und weil man es kann.“
Der Greif dreht sich wieder auf dem Ratskeller
Warum steht das Gerüst noch, obwohl die Turmhaube schon lange auf dem Dach ist? Allein 500 Arbeitsstunden waren in die wettersichere Verkleidung der Holzkonstruktion zu investieren.
Am 24. September folgte nun die Bekrönung: Die restaurierte Wetterfahne wurde wieder aufgesetzt. Damit kehrte ein weiteres historisches Detail an seinen angestammten Platz über dem Markt zurück. Was dort oben den Wind anzeigt, lässt sich in einer alten Beschreibung des Gebäudes nachlesen. Unter der Überschrift „Das alte Rathaus“ heißt es: „Über dessen Haube eine als Greif ausgebildete Wetterfahne.“ Das Fabelwesen gehört also zum überlieferten Erscheinungsbild des Hauses.
Damit es wieder sicher auf dem Dach stehen kann, war allerdings mehr nötig als eine äußerliche Auffrischung. Die Einmann-Firma Peter Modler Mechanische Fertigung und Maschinenbau, übernahm die Instandsetzung. „Die Wetterfahne war nicht mehr standfest“, berichtete er wenige Tage vor dem Aufsetzen im Gespräch mit RAZ. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass die Unterkonstruktion vollständig erneuert werden musste.
Modler fertigte sie aus Edelstahl neu an. Die vorhandene Kugel und die Wetterfahne aus Kupfer konnten dagegen wiederverwendet werden. Die Fahne erhielt zudem eine neue Lagerung.
Auch das Aussehen der erneuerten Teile wurde berücksichtigt: Die sichtbaren Neuteile bestehen aus Kupfer, während die Edelstahlteile verkleidet sind. Durch die Bewitterung soll sich der Farbton der sichtbaren Neu-Teile mit der Zeit dem historischen Bestand angleichen. So verbindet die Instandsetzung die notwendige Stabilität mit dem Erhalt des vertrauten Erscheinungsbildes.
Beim Wiederaufsetzen arbeiteten mehrere örtliche Handwerker zusammen. Neben Peter Modler waren Uwe und Patrick Berge von der Installationsfirma Herrmann sowie Mark Höntzsch, Robin Marwitz und Sven Göhrisch von der Firma Sachse beteiligt.
Nachdem der Greif also nun wieder schaut, woher der Wind weht, fehlt noch ein letztes Detail: die Turmuhr.
Letztes Bauteil: die Uhr
Das Zifferblatt wird zur Zeit von der Autolackiererei Gneuß restauriert. Restauriert - und nicht nur einfach neu angestrichen. „Es soll schließlich nicht nur ein paar Tage halten und ist Wind und Wetter ausgesetzt,“ erklärt der Meister, der über das Tagesgeschäft hinaus auch für die Ausführung solcher Restaurierungsarbeiten qualifiziert ist. Bevor Fahrzeuglackiermeister Benedikt Beyer die römischen Zahlen mit dem feinen Pinsel nachzeichnen konnte, waren zahlreiche Arbeitsschritte nötig: Die Firma PW Sachsenlack in Gröbern hatte das Original zunächst sandgestrahlt. Danach wurde es mit Epoxidharz grundiert. Unebenheiten und die vom Rost über die Jahre angegriffenen Stellen wurden ausgespachtelt, erneut mit Epoxidharz grundiert und anschließend mit Füller beschichtet. Erst nach einem weiteren gründlichen Schliff konnte der weiße Grundton lackiert werden. Darauf folgte das sorgfältige Aufmalen der Zahlen und Markierungen - und dann werden die Zeiger wieder montiert.
Einen Wermutstropfen hat das Ganze dennoch. Das mechanische Uhrwerk wurde in (aus Sicht des Ratskellers) besseren Zeiten, jeden Montag aufgezogen - zuletzt von Uhrmachermeister Tobias Schmidt. Diesen Aufwand will heute niemand mehr betreiben. Die gesamte Restaurierung des Turms ist eine Ersatzvornahme, da der Eigentümer seiner gesetzlichen Pflicht zur Erhaltung des denkmalgeschützten Objekts nicht nachkommt. So wird auch hier der Aufwand auf ein Mindestmaß beschränkt. Die Wiederherstellung einer funktionsfähigen Uhr kommt deshalb ebenso wenig in Frage wie die Installation einer Funkuhr. Deshalb werden die Zeiger auf eine feste Zeit eingestellt.
Welche Zeit? Darüber wurde trefflich diskutiert. Unter Stadträten wurde unter anderem Vorgeschlagen: 5 vor 12, was in Bezug auf den Ratskeller vielleicht zuträfe – andere meinten, in diesem desolaten Zustand sei es schon 5 nach 12.
Meister Berge und Meister Gneuß sind aber nicht nur Stadträte, sondern – wie übrigens auch Peter Modler – langjährige Karnevalisten und trugen schließlich die Idee vor, den kurzen, dicken Zeiger auf die XI und den langen dünnen Zeiger eine Minute hinter die II zu setzen. 11:11 Uhr. Das fand offensichtlich in den zuständigen Gremien Billigung.

