Pfarrer Andreas Kecke im Porträt: Man muss dem Rad selbst in die Speichen fallen

In geheimer Wahl wurde am 20. Juni Pfarrer Andreas Kecke aus Königswartha im ersten Wahlgang gewählt. Die Wahl war notwendig geworden, weil im Herbst vorigen Jahres sein Vorgänger, der inzwischen verstorbene Pfarrer Michael Buchmann, aus gesundheitlichen Gründen seinen Dienst quittieren musste.

Pfarrer Kecke trat am 16.10.17 seinen Dienst an. Am Sonntag, dem 29.10.17 hielt er seinen Einführungsgottesdienst in der Kirche in Rödern, die zusammen mit Radeburg ein Schwesternkirchverhältnis bildet.

Pfarrer Andreas Kecke bei der Baustellenpredigt am 2. Adventssonntag.

Eigentlich sollte der Antritt erst zum Jahresende erfolgen, doch es war eine Notsituation entstanden. Bekanntlich befindet sich die Radeburger Kirche in einer Umbaumaßnahme. Nachdem der Bärnsdorfer Pfarrer Steffen Brock im April von Bärnsdorf nach Dresden wechselte und im Juli Ebersbachs Pfarrer Matthias Spindler tödlich verunglückte, wurde in dieser Dreifachvakanz eine Vertretung immer schwieriger. Mit viel Verständnis reagierte der Kirchenvorstand von Königswartha, indem er dem vorfristigen Wechsel zustimmte. Der Seelsorger verzichtet aufgrund der Situation außerdem auf eine 3-monatige Forschungszeit, die er schon lange geplant hatte und zog mit seiner Frau, der Religionspädagogin Maria Kecke nach Radeburg. Die Kirchgemeinde war „sehr froh, dass die Zeit der Vakanz nun endlich zu Ende geht,“ wie es im „Kirchenfenster“, dem Blatt der Gemeinde, hieß.

Der heute 53jährige wuchs in Pirna auf. An christlichen Leitbildern orientiert, wuchs seine Distanz zu den Leitbildern, die die sozialistische Schule vorgab. Noch als Schüler trat er aus der FDJ aus. Damit, so war ihm klar, würden ihm Abitur und ein reguläres Studium versagt bleiben. Aber immerhin reichte es für eine damals begehrte Lehrstelle als Koch auf der Bastei. Trotz seiner nicht eben „linientreuen“ Einstellung durfte er für bedeutende Persönlichkeiten wie den UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar kochen. Seine Weigerung, in der vormilitärischen Ausbildung an Schießübungen teilzunehmen, brachte ihm die Beurteilung ein, er besitze nicht die gewünschte positive politische Einstellung. Für ihn stand fest, nicht nur den Wehrdienst mit der Waffe, sondern auch den mit dem Spaten zu verweigern: „Ich kann das Gelöbnis nicht sprechen, in dem ein unbedingter Gehorsam zugesagt wurde, um den Sieg über die Feinde des Sozialismus zu erlangen.“ Auf Totalverweigerung stand 18 bis 22 Monate Freiheitsentzug. Kecke hatte Glück. 1985 gab der DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann eine geheime Anweisung heraus, dass diese „Regelung“ außer Vollzug gesetzt wird, so dass ihm diese Erfahrung erspart blieb. Ein prägendes Erlebnis war für ihn, dass seine Freunde und er regelmäßig für die eingesperrten Totalverweigerer beteten und eines Tages, als sie nach einem solchen Gebet nach Hause gehen wollten, kam ihnen, völlig überraschend, einer der gerade Freigelassenen entgegen.

Trotz der ungünstigen Beurteilung bewarb sich Andreas Kecke auf Anraten seines Lehrausbilders zur Eröffnung des Hotels Bellevue im Februar 1985 in Dresden – und wurde angenommen. Eigentlich glaubte er nicht wirklich daran und schrieb die Bewerbung mit dem Gedanken „So Gott will...“

Das Hotel wurde als „Devisenhotel“ konzipiert. Das hieß, dass hier ausschließlich mit westlicher Währung gebucht werden konnte. An das Personal wurden hohe Anforderungen an deren „Zuverlässigkeit“ gestellt. Fachlich konnte man ihm das bescheinigen. „Ideologisch“ hat da wahrscheinlich die Kaderleitung gepennt.

Koch im Bellevue oder Profi-Prediger?

Doch in diesem Frühjahr 1985 war der Lebensweg von Andreas Kecke an einer Weggabelung angekommen, an einem Punkt, an dem er sich entscheiden musste und der sein gesamtes weiteres Leben bestimmen sollte. Er fragte sich, ob er sein weiteres Leben damit verbringen sollte, wohlhabenden Leuten „mittels edlem Essen das Leben noch etwas angenehmer zu gestalten“ oder Menschen das Herz für Christus zu öffnen. Im Gespräch zu diesem Beitrag sagte er, dass es ihm besonders Paulus angetan hat, der von einem Eiferer gegen die Christen zu einem Apostel, zu einem der bedeutendsten Führer des Christentums wurde. Die „Wandlung vom Saulus zum Paulus“, dürfte auch Nichtchristen als Redewendung für einen radikalen Sinneswandel bekannt sein.

Wie es Paulus gelang, Menschen für die Botschaft von Jesus Christus zu begeistern – das hatte ihn schon früh fasziniert. Er wollte als Laie Abende der Pirnaer Jungen Gemeinde übernehmen. Die fanden immer am Donnerstag statt. „Aber nicht einmal am Donnerstag davor wusste ich, ob ich da wieder Spätdienst habe,“ erklärte er seine Situation im Bellevue. „Mit meinem Beruf war das ehrenamtliche Engagement in der Gemeinde also nur sehr begrenzt möglich. Nach langem Ringen bewarb ich mich zum Theologiestudium und sah in der Annahme oder Ablehnung Gottes Entscheidung. Ich hätte mich kein zweites Mal beworben.“

Seine Bewerbung an der Predigerschule „Paulinum“ in Berlin wurde positiv beschieden,

Das „Paulinum“ war in der DDR eine Ausbildungsstätte des für Pfarrer, die geschaffen wurde, um Christen, die nicht die Möglichkeit hatten, Abitur zu machen, das Studium zu ermöglichen. Studienvoraussetzung war die abgeschlossene Berufsausbildung, Erfahrungen im Berufs- und Gemeindeleben und das Mindestalter von 21 Jahren.

„So gab ich einen der begehrtesten Arbeitsplätze als Koch im Bellevue auf und begann das Theologiestudium,“ erklärte Pfarrer Kecke in seinem Interview.

Im Wendejahr 1989 trat er das Vikariat an den Kirchen in Dresden-Trachau und Dresden-Gorbitz an. Das Vikariat ist ein Probedienst nach dem Examen - ähnlich dem Referendariat im öffentlichen Dienst. Es fügte sich, dass er ausgerechnet in dieser spannenden Zeit nach Dresden zurückkehrte, als die Kirchen eine wichtige Rolle dabei spielten, dass die Wende als „friedliche Revolution“ in die Geschichte eingehen konnte.

Er erzählt zwei Begebenheiten. Eine spielte sich noch in Berlin ab, als am Sitz von Konsistorialpräsident Manfred Stolpe eine Veranstaltung stattfand, die sich mit dem Thema Pressezensur befasste. Mit dabei waren Journalisten kirchlicher Zeitungen und Zeitschriften. „Ich bog nach der Veranstaltung mit einem Freund am Ausgang nach rechts ab, während die meisten links abbogen – und direkt in die Arme der Stasi liefen und festgenommen wurden. Da hatte ich Glück gehabt.“

Der Mensch ist eben ein Sünder...

Der junge Vikar war dann in Dresden bei der Besetzung der Stasizentrale auf der Bautzener Straße durch 5000 Bürger vier Wochen nach dem Mauerfall dabei. Die einen suchten nach politischen Gefangenen, für die sich plötzlich und völlig überraschend die Türen öffneten und andere kümmerten sich darum, dass das Vernichten der Akten gestoppt wurde. Die Situation war extrem angespannt und hätte leicht eskalieren können, da die Stasileute immer noch voll bewaffnet waren. Es war an Superintendent Christoph Ziemer, beide Seiten vom Gewaltverzicht zu überzeugen. Die Stasimitarbeiter konnten abziehen, die Bürger das Objekt übernehmen. Pfarrer Kecke erinnert sich noch, dass er allein in eineVilla ging. Er trat in einen Raum, wo hinter einem großen Schreibtisch ein Mann saß. Der sagte zu dem Eintretenden: „Der Honecker war für mich wie ein Gott. Ich hätte alles für ihn getan. Und jetzt kommt heraus, wie er in Wandlitz gelebt hat mit so vielen Westsachen.“
„Im Februar las ich dann in der Zeitung, dass sich der Stasichef sen hatte, da erinnerte ich mich an diese Begegnung. Ich vermutete sofort, dass es dieser Mann gewesen sein könnte, aber genau weiß ich es nicht.“

Es könnte passen, weil in den Berichten über die Besetzung nie von der Anwesenheit des Generals die Rede gewesen war, nur von den Mitarbeitern. Generalmajor Horst Böhm, Leiter der Dresdner Bezirksverwaltung des MfS, hatte sich am 21. Februar 1990 das Leben genommen.

Ein Grundproblem, das zum Scheitern der sozialistischen Idee geführt hat, so befindet Andreas Kecke, liege im falschen Menschenbild. Die Grundannahme, dass sich mit der Änderung der Gesellschaftsordnung auch der „gute Mensch“ herausbilde, habe sich als falsch erwiesen.

Als Beispiel erzählte er, wie ihm jemand beschrieb, wie er Kartoffeln kocht. Er lässt tagsüber fließend warmes Wasser darüber laufen. Wenn er abends heim kommt, sind sie gar. Was für eine Verschwendung, denkt man. In der DDR war eine Zeit lang der Mietpreis fix. Es gab keine verbrauchsabhängige Berechnung der Nebenkosten. Dass er Wasser und Energie verschwendete, interessierte den Mann nicht. Für Andreas Kecke ein Beleg: „Der Mensch ist ein Sünder.“

Und wenn Menschen zu lange Macht haben – ohne Korrektur, dann wird der Egoismus gefährlich. Deshalb stehen am Ende der Beispielkette die zahllosen Verbrechen und die Millionen von Toten, die ein Stalin oder ein Mao im Namen der angeblich besseren atheistischen Gesellschaftsordnung verübt hatten.

Nun könnte man einwenden, dass sich Jesus zum Beispiel bei der Bergpredigt doch auch darum bemüht hatte, den Menschen Gebote für ein besseres Handeln zu geben. Er sagt: „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin…. Und wenn dich jemand zwingt, eine Meile mitzugehen, mit dem geh zwei... Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ Wie weit soll man gehen, um dem gerecht zu werden? Pfarrer Kecke gibt zu, dass auch unter Seinesgleichen die Meinungen da auseinandergehen. Er fragt zurück: „Soll der Vater sich das eigene Kind von einem Verbrecher aus der Hand reißen lassen?“ Aus seiner Sicht spricht Jesus zu seinen Jüngern, also zu seinen Nachfolgern. „Vom Angriff auf Schutzbefohlene sagt er da nichts und er untersagt auch nicht, Täter an ihren Taten zu hindern. Ich halte es mit Dietrich Bonhoeffer, der gesagt hat: „Es reicht nicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden. Man muss dem Rad selbst in die Speichen fallen.“

Mehr Demokratie wagen - mit Bürgerinitiativen

Im Jahr nach der Wende wurde Andreas Kecke zum Pfarrer berufen. Die Gemeinde Königswartha in der Oberlausitz galt als „schwieriges Pflaster“, da dort die so genannte „Christliche Friedenskonferenz“ (CFK) eine bedeutende Gruppe hatte.

Die CFK wurde 1958 als internationale Organisation marxistisch orientierter Christen gegründet, im Laufe der Jahre aber systematisch auf die Linie des Ostblocks gebracht und schließlich durch dessen Geheimdienste gesteuert. Die CFK-Gruppe Königswartha spielte durch Seminare, Tagungen und Publikationen eine große Rolle dabei, die politische Sicht der DDR-Lenker in die Kirchen zu transportieren. Die Vergangenheitsbewältigung in einer derart stasiunterwanderten Kirchgemeinde dürfte nicht einfach gewesen sein. Anders als üblich wurde deshalb Pfarrer Andreas Kecke durch die Landeskirche schon bei Antritt die Möglichkeit eingeräumt, den Dienst in Königswartha abzulehnen. Doch er nahm an und blieb. 26 Jahre. Und die vergingen nicht einfach so, sondern er hinterließ Spuren. Vor allem lehrte er die Königswarthaer, mit Bürgerinitiativen mehr Demokratie zu wagen.

Als der Begriff „Planfeststellungsverfahren“ den meisten noch ein Fremdwort war, half er, eine Bürgerinitiative zu gründen, um eine Müllverbrennungsanlage zu verhindern.

Gerade als Kecke in Königswartha angefangen hatte, tauchte der amerikanische Milliardär Lindon Blue aus San Diego auf, um auf einer Militärbrache eine Verbrennungsanlage zu errichten. Lindon Blue repräsentierte den US-Konzern General Atomics. Der kaufte 1992 von der Treuhand gleich das ganze DDR-Rüstungskombinat Spezialtechnik mit Sitz in Dresden und sämtlichen Liegenschaften in der ehemaligen DDR.

Die Bürger waren bestürzt und fühlten sich wehrlos, zumal der „Investor“ aus amerikanischen Verhältnissen nicht kannte, dass Bürger bei solchen Investitionen ein Mitspracherecht haben und entsprechend auftrat. Auch die „Gelernten DDR-Bürger“ wussten das nicht. Sie hatten Angst vor den von einer solchen Anlage ausgehenden Gefahren. Benachbarte Betriebe mit über 100 Beschäftigten kündigten die Abwanderung an.

„Die meisten dachten damals noch,“ dass man sich dem wie einem Schicksalsschlag ergeben müsse,“ erzählt der Pfarrer. „Ich habe mir die öffentlich ausgelegten Unterlagen angeschaut und zwei wesentliche Ungereimtheiten entdeckt und darauf aufmerksam gemacht.“ Es musste wieder dem Rad in die Speichen gefallen werden. Die Bürgerinitiative erreichte, dass der Investor die Anlage von Königswartha abzog.

Wie berechtigt die Sorgen waren, sollte sich im November 2002 bewahrheiten, als bei einer Explosion im Munitionsbunker des Spreewerkes in Lübben vier Menschen starben.

Das Spreewerk, das die General Atomics ebenfalls erworben hatten, wurde nach dem Widerstand der Königswarthaer Bürgerinitiative als Standort für die Verbrennungsanlage auserkoren, nachdem die brandenburgische Arbeitsministerin Regine Hildebrandt Lindeon Blue ausdrücklich eingeladen hatte. Von 800 Arbeitsplätzen in den Spreewerken blieben Mitte der 90er ganze 65.

Als sich der Freistaat mit seinem Bildungsauftrag immer mehr aus „der Fläche“ zurückzog, traf dies auch die Mittelschule in Königswartha. Aus Protest gegen die Schließung trat der gesamte Gemeinderat zurück und bat Pfarrer Kecke, eine Freie Evangelische Schule zu gründen. Da der Freistaat jegliche Fianzierung in den ersten drei Jahren verweigerte, wurde diese ausschließlich von Spenden und 56 Euro Schulgeld pro Kind finanziert.

Pfarrer Kecke half sogar, Gesetzesänderungen auf den Weg zu bringen, damit solche Schulen finanzierbar bleiben. Was er heute noch spannend daran findet: die GRÜNEN strengten eine Normenkontrollklage wegen der verfassungswidrigen finanziellen Benachteiligung der Freien Schulen an. Diese bekamen teilweise weniger als die Hälfte der staatliche Zuwendungen pro Schüler, wie sie Regelschulen erhalten. Damit war ein Überleben kaum möglich. Eine Normenkontrollklage kann nur eingebracht werden, wenn mehr als 25% der Abgeordneten des Landtages diese einbringen. Die Stimmen der Grünen und der SPD reichten damals zusammen nicht, deshalb waren noch Stimmen der Linken notwendig. Schließlich waren 20 von ihnen dafür bereit.Als zahlenmäßig stärkste Gruppe führte DIE LINKE die Liste der Kläger gegen die christliche(!) Union an. „So kann man sagen, dass die LINKEN das Überleben der christlichen Schulen gerettet haben. Ein Witz in der sächsischen Kirchengeschichte!“

Die Freie Evangelische Schule, die den Schulstandort Königswartha rettete, trägt den Namen „Paulus-Schule“. Man muss nicht raten, wer zu diesem Namen inspirierte.

So heißt es auf der Webseite der Schule zu der Frage „Warum Paulus?“:

„Kein Staatsoberhaupt, kein Philosoph oder Theologe hat mehr Menschen unserer Erde geprägt als der Apostel Paulus. Unsere Schule wurde im Jahr des 2000. Geburtstages des Völkerapostels (2009 - d. Red.) geboren.“ Und am Ende der Begründung heißt es: „Vom Saulus zum Paulus zu werden, ist auch heute noch möglich. Paulus lebte lange in einem tiefen Hass auf alles Christliche, war selbst Christenverfolger, bis sein Leben von Christus umgekehrt wurde. Für ihn begann eine wunderbare Existenz voller Abenteuer. Paulus konnte Fehler und Schwächen zugeben. Wie der Apostel sind Schüler und Lehrer davon befreit, sich so darzustellen, als ob sie immer alles richtig machen.“

Und nun Radeburg? Pfarrer Andreas Kecke wollte gern noch einmal etwas Neues beginnen,die gewohnten Pfade verlassen. In Radeburg sieht er dafür das Potential. Seit Oktober wohnt er nun im hiesigen Pfarrhaus. Schon jetzt ist er dort oft nicht anzutreffen. Er ist viel unterwegs. Er macht sich sachkundig. Sucht das Gespräch und lädt (auch auf diesem Wege) jeden zum Gespräch ein, der das möchte. Er hat Ideen und will wissen, was andere davon halten – und er ist offen für Ideen von anderen.

Links: