Wie wird man eigentlich 95 Jahre alt — und bleibt dabei so wach, schlagfertig und charmant? Diese Frage stand am Anfang des Sportgesprächs „zwischen Frühstück & Mittagessen“ auf Schloss Schönfeld. Moderator Wolfgang Mager, selbst zweifacher Olympiasieger im Rudern, stellte sie Gustav-Adolf „Täve“ Schur gleich zu Beginn. Beantwortet wurde sie allerdings erst später.
Dazwischen lag ein Gespräch, wie man es mit Täve Schur wohl nur haben kann: voller Erinnerungen, sportlicher Härte, „Fun Facts“, trockenem Humor und jener Bescheidenheit, die große Lebensleistungen oft erst recht sichtbar macht.
Täve erzählte nicht glatt und nicht museal. Er erzählte so, als säße man mit ihm am Tisch. Mehrmals leitete er ein mit dem Satz „Wir hatten ja nichts“. Sein erstes, selbst zusammengestoppeltes Rad, mit dem er gegen einen Fahrer vom SC Magdeburg gewann, der tatsächlich Wodka hieß; „Wir hatten kein Material“, erinnerte er sich. Schlechtes Material für teure Devisen kam aus dem Westen. „Wir haben deshalb selber gebaut und selber geforscht und selbst gebastelt“ – und so schufen sie unkaputtbare DDR-Alternativen – und die Marke Diamant.
Zum Teil hörte sich das so an: Wirklich gute Sättel kamen nur aus Irland. Ein spezielles Rindsleder. Sie waren teuer, kosteten Devisen. Der DDR-Sportler konnte die natürlich nicht kaufen, sondern sie wurden ihm als Volkseigentum zur Nutzung überlassen. Täve waren sie trotzdem nicht bequem genug. Also fertigte er sich eine Schablone mit der Position seiner „Sitzhöcker“ an und bohrte die drückenden Stellen auf. „War meine Erfindung“, sagte er trocken. Und dann kam der Satz, der im Saal für Heiterkeit sorgte: „Da muss man sich vorstellen: Ein teurer Sattel wird einfach kaputt gebohrt. Das durfte in der DDR nur einer — das war ich.“
Auch bei Reifen und Rädern wurde deutlich, was Sport damals bedeutete: Improvisieren, ausprobieren, lernen. Nicht nur die Sportler dachten mit, sondern auch die Werkstätten. Täve Schur erinnerte daran, wie an DDR-Maschinen gearbeitet wurde, wie Speichen, Reifen und Material zu Erfolgen beitrugen. Sein Satz klang wie aus einer anderen Epoche: „Dafür dankte ich den Werktätigen. Für die bin ich gefahren und hab alles aus mir rausgeholt.“ Aber auch „der eigene Daumen war entscheidend. Luftdruckmessgeräte gab es nicht. Du hast da nach Gefühl aufgepumpt.“
Moderator Wolfgang Mager führte das Gespräch mit sichtbarer Achtung und dennoch locker. Gerade dadurch entstand eine Atmosphäre, in der Schur nicht als Denkmal erschien, sondern als Mensch: einer, der seine Erfolge nicht von den Bedingungen trennt, unter denen sie entstanden sind; einer, der andere mitnimmt in seine Erinnerungen; einer, der über sich selbst lachen kann.
So erzählte Täve eine Episode auf die Frage von Wolfgang Mager, wie sehr ihn denn eine Panne genervt hatte – damals musste man seine Schäden noch selbst beheben und hatte viel Zeit verloren. Die Episode war, dass Täve „in so einer Versammlung wie heute“ jemand aus dem Publikum aufstand und ihn mit einem Vorwurf konfrontierte. „Das war damals am Riechheimer Berg bei Erfurt.“ Täve hatte also eine Panne gehabt und musste allein die Verfolgung der Spitzengruppe aufnehmen, aus der er zurückgefallen war und nun sagte der Mann: „Ich war so enttäuscht von ihnen. Ich hab dort am Berg gestanden und Sie angefeuert: Täve! Täve! Und Sie haben zurückgerufen: „Halt die Schnauze!“ – Gelächter im Publikum und Täve beteuerte: „Er muss mich verwechselt haben. Sowas würde ich nie sagen.“
Dass der Vormittag mehr war als ein nostalgisches Sportgespräch, zeigte auch der Anlass: Auf Wunsch von Täve Schur gingen alle Einnahmen zugunsten der „Tour der Hoffnung“ an krebskranke Kinder. Schon auf dem Veranstaltungsplakat war dieser Zweck hervorgehoben worden. So verband der Besuch in Schönfeld sportliche Erinnerung mit einer Hilfe, die Schur seit Jahren am Herzen liegt. Die Tour der Hoffnung mit Täve im Peloton fuhr 2014 auch durch Radeburg.
Und dann kam sie doch noch: die Antwort auf die Eingangsfrage. Wie wird man so alt?
Täve Schur mit 95 hat eine klare Antwort auf den aktuellen Longevity Hype. Er selbst ist der Beweis und muss sich nichts einreden lassen. Sein Rezept besteht aus einem einzigen Satz. Den hört ihr in diesem Video. Bleibt bis zum Schluss dran.

