Warum ist die Vermarktung regionaler Produkte im Osten so schwer?
Kategorie: Dresdener Heidebogen, Dresdener Land und Umgebung, Radeburg und Umgebung„Die Ossis sind einfach noch nicht soweit.“ Mit dieser Aussage könnte man das Thema abschließen, sich gemütlich zurück lehnen und einfach darauf warten, bis sie es sind – die Ossis. Doch wofür sind sie noch nicht bereit und vor allem, warum nicht?
Angesichts von Lebensmittelskandalen und Klimadebatten sollte man meinen, dass Produkte, die von heimischen Bauern zum großen Teil nach den Grundsätzen biologischer Erzeugung produziert werden, reißenden Absatz finden. Leider ist das nicht so und im Osten noch viel weniger. Mit dem Bio-Trend flackerte auch bei den Direktvermarktern das Umsatzlämpchen kurz auf. Aber mit dem massenhaften Vertrieb von Bio-Produkten durch die Discounter wurde die Marke BIO schnell verramscht.
Der Griff zum Bio-Produkt wird eher aus schlechtem Gewissen als aus Überzeugung getan. Und auch dieser Griff wird seltener. Nun soll der Schwenk zu „Regional“ erfolgen. Regional heißt, von hier, ursprünglich und im Idealfall auch noch BIO.
Dafür ist ein Umdenken ist nötig vom Discount-Shopper zum bewussten Regional-Käufer.
Wer regional kauft entscheidet sich zur „Entschleunigung“. 15-20 Minuten dauert ein durchschnittlicher Lebensmittel-Einkauf. Ein Blick in den Kühlschrank, die gewohnte Runde durch den Supermarkt und wieder nach Hause. Einkaufen geschieht bei den meisten Konsumenten nebenher, routiniert und nach Schema F. Das ist von den Discountern so gewollt und der Konsument gehorcht – durch geschickte Marketingkonzeptionen geführt, absolvieren er seinen Einkauf. Zum bewussten Auswählen und Nachdenken über die getroffene Wahl, ist keine Zeit.
Wer sich entscheidet regionale Produkte zu kaufen, muss Zeit reservieren. Für die Suche nach den Bauernhöfen mit Direktvertrieb, für den dortigen Einkauf und für den Schwatz mit der Bäuerin.
Wer regional kauft, entscheidet sich für den Verzicht auf Massenkonsum. Wer regional kauft, muss sich Gedanken machen über das was und wo. Wer regional kauft, entscheidet sich für das Einkaufserlebnis auf dem Bauernhof. Wer regional kauft, kauft das was saisonal typisch ist. Wer regional kauft, weiß dass die Eier von jungen Hühnern im Frühjahr klein sind. Wer regional kauft, weiß, dass es im Dezember beim Bauern keine Tomaten und Gurken gibt. Wer regional kauft, verzichtet.
Dem Regional-Käufer macht das alles nichts aus - weil es authentisch ist.
Sich Zeit zu nehmen und sich gegen „einmal hin, alles drin“ zu entscheiden, fällt den eigentlich nicht mehr ganz so neuen „Neubundesbürgern“ besonders schwer. Es ist unbestritten, dass regionale Produkte tendenziell teurer sind und es ist auch unbestritten, dass es nach wie vor ein Einkommensgefälle zwischen Ost und West gibt, was zu Ungunsten des Ostens ausfällt.
Aber auch die Ostdeutschen die ein durchschnittlich bis gutes Einkommen haben lieben die Möglichkeit des unbegrenzten Einkaufs. Alles ist da, alles ist bunt, glitzert und blinkt. Es gibt nichts, was man nicht käuflich erwerben kann und diese Gewissheit gibt der Ossi nicht so einfach her. Auch ist der Ostdeutsche gehetzter, getriebener und fühlt sich mehr unter Zeitdruck als die Mitbürger aus dem Westen.
Alles schlechte Nachrichten für den Verkauf regionaler Produkte.
Dennoch gibt es auch im Osten verschiedene gute Ansätze das Bewusstsein für den Direktvertrieb zu stärken.
Da gibt es zum Beispiel sehr schöne Internetshops, die dem chronischen Zeitmangel die Stirn und regionale Produkte an-bieten, die im Idealfall auch noch bis auf den heimischen Esstisch liefern.
Doch auch da wird nur verkauft, was die Jahreszeit hergibt.
Auch große Hofläden gibt es, die ein vielfältiges Sortiment an Produkten vorweisen. Oft steht dabei ein großer finanzkräftiger Landwirtschaftsbetrieb dahinter, der andere Direktvermarkter unter sein Dach schlüpfen lässt. Zum gegenseitigen Vorteil. Das Angebot wird breiter und man kann dem Kunden schon fast ein Supermarktsortiment anbieten. Die „Kleinen“ kriegen ihre Waren los und der „Große“ bindet die Kunden.
Ähnlich funktionieren auch die so genannten Erzeugerzusammenschlüsse, die sich die Werbungskosten teilen und gemeinsam ihre Produkte auf ganz unterschiedliche Weise vermarkten. Oft sind es die kleinen Hofläden, die ihr Sortiment mit den Waren der befreundeten Betriebe anreichern und dem Kunden so einen kleinen Mehrwert bieten.
Staatliche Initiativen unterstützen die Bauern bei der Aufklärungsarbeit. Förderrichtlinien werden kreiert. Politiker schreiben sich die Vermarktung regionaler Produkte auf die Fahne und ganze Herscharen von Marketingexperten erfinden kreative Konzepte um regionale Spezialitäten an den Mann zu bringen.
Erste Lebensmitteldiscounter, die regionale Produkte im Sortiment haben, blicken zögerlich gen Osten.
Sie alle sind auf dem richtigen Weg aber noch wird sehr viel gesprochen, gepredigt und überzeugt werden müssen – bis der Ossi endlich soweit ist – sich Zeit nimmt, Masse Masse sein lässt und bereit ist ein klein weniger mehr Geld auszugeben – für ein frisches BIO-Ei von der Bäuerin mit dem blauen Kopftuch und der rot getigerten Katze. So ein Ei schmeckt richtig gut, wirklich!

